23 Okt. Deutschland braucht mehr Erwerbsmigration. Aber daraus entsteht nicht automatisch Arbeitsmarktintegration.
Deutschland braucht zusätzliche Arbeitskräfte aus dem Ausland. Doch mehr Erwerbsmigration allein löst weder den Arbeitskräftemangel noch den Fachkräftemangel. Entscheidend ist, ob Menschen mit ihren Fähigkeiten schnell, fair und passend in Beschäftigung ankommen.
Zwischen Einreise und beruflicher Teilhabe liegen mehrere Schritte. Dazu gehören Sprache, Qualifikation, Anerkennung, Aufenthaltsrecht, Behördenverfahren, Kinderbetreuung und regionale Arbeitsmärkte. Auch Arbeitgeber und Zugewanderte tragen Verantwortung.
Die zentrale Frage lautet deshalb nicht nur, wie viele Menschen nach Deutschland kommen. Sie lautet: Was passiert danach?
Deutschland braucht ausländische Arbeitskräfte
Die Ausgangslage ist klar. Deutschland hat in vielen Berufen Engpässe. Für 2025 weist die Bundesagentur für Arbeit 157 Berufsgattungen mit Fachkräfteengpässen aus. Dazu gehören weiterhin Pflege- und Gesundheitsberufe sowie Berufe im Bau und im Handwerk. Ausländische Beschäftigte sind in vielen dieser Bereiche bereits ein wichtiger Teil der Versorgung. Quelle: Bundesagentur für Arbeit
Auch die Erwerbsmigration aus Drittstaaten nimmt eine wichtige Rolle ein. Ende 2025 lebten rund 471.000 Menschen mit einem Aufenthaltstitel zur Erwerbstätigkeit in Deutschland. Die Zahl zeigt: Fachkräftezuwanderung ist kein Zukunftsprojekt. Sie findet bereits statt. Quelle: Statistisches Bundesamt
Damit ist aber noch nicht gesagt, dass jede zugewanderte Person als Fachkraft arbeitet. Ebenso wenig folgt daraus, dass jede Beschäftigung dem Qualifikationsniveau entspricht.
Erwerbsmigration ist nicht gleich Zuwanderung
Unterschiedliche Wege, unterschiedliche Voraussetzungen
Erwerbsmigration und Fluchtmigration dürfen nicht in einen Topf geworfen werden.
Bei der Erwerbsmigration kommen Menschen mit dem Ziel nach Deutschland, eine Beschäftigung aufzunehmen oder über eine Beschäftigung einen Aufenthalt zu begründen. Sie bringen häufig ein konkretes Arbeitsangebot, eine berufliche Qualifikation oder Berufserfahrung mit.
Bei der Fluchtmigration steht zunächst der Schutz vor Verfolgung, Krieg oder existenzieller Gefährdung im Vordergrund. Eine spätere Arbeitsaufnahme ist möglich. Der Weg dorthin verläuft aber oft unter anderen rechtlichen, sprachlichen und sozialen Bedingungen.
Beide Gruppen können Arbeitskräfte werden. Ihre Ausgangslagen sind jedoch nicht identisch. Wer über Arbeitsmarktintegration spricht, muss diese Unterschiede benennen.
Arbeitskräfte sind nicht automatisch Fachkräfte
Auch die Begriffe Arbeitskraft und Fachkraft bedeuten nicht dasselbe.
Arbeitskraft ist der weitere Begriff. Er beschreibt Menschen, die arbeiten können und dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.
Fachkraft ist dagegen ein engerer Begriff. Gemeint sind in der Regel Menschen mit einer anerkannten oder gleichwertigen Berufsausbildung oder einem Hochschulabschluss. Deutschland braucht nicht nur akademische Spezialisten. Engpässe bestehen auch in Ausbildungsberufen und auf dem Fachkraftniveau.
Die Debatte wird ungenau, wenn jede ausländische Arbeitskraft als Fachkraft bezeichnet wird. Sie wird aber ebenso ungenau, wenn Fachkräftezuwanderung nur mit IT, Ingenieurwesen und Spitzenpositionen verbunden wird.
Beschäftigung ist noch keine Teilhabe
Eine Beschäftigungsquote beantwortet eine wichtige Frage: Arbeiten Menschen oder arbeiten sie nicht?
Sie beantwortet aber nicht automatisch diese Fragen:
- Arbeiten sie in ihrem erlernten Beruf?
- Entspricht die Tätigkeit ihrer Qualifikation?
- Sind die Arbeitsbedingungen verlässlich?
- Gibt es Aufstiegsmöglichkeiten?
- Können sie ihre Kenntnisse weiterentwickeln?
- Ist die Beschäftigung dauerhaft oder nur eine Übergangslösung?
Im Juli 2026 lag die Beschäftigungsquote der ausländischen Bevölkerung in Deutschland bei 58,8 Prozent. Sie war damit gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Diese Zahl ist relevant. Sie sagt jedoch nichts allein über die Qualität der beruflichen Teilhabe aus. Außerdem bezieht sich die Statistik auf Staatsangehörigkeit, nicht auf die gesamte Gruppe der Menschen mit Einwanderungsgeschichte. Quelle: IAB, Zuwanderungsmonitor September 2026
Wenn Qualifikation ungenutzt bleibt
Eine Person kann beschäftigt sein und trotzdem unter ihren Möglichkeiten bleiben. Ein Ingenieur arbeitet vielleicht dauerhaft in einer Helfertätigkeit. Eine Pflegefachkraft findet zunächst nur einen Job außerhalb der Pflege. Ein Handwerker arbeitet in einem Bereich, der seine Erfahrung kaum nutzt.
Das ist nicht in jedem Fall ein Problem. Ein beruflicher Einstieg kann bewusst vorübergehend sein. Auch eine Nachqualifizierung kann sinnvoll sein.
Problematisch wird es, wenn der vorläufige Einstieg zum Dauerzustand wird. Dann hilft die bloße Zahl der Beschäftigten nicht weiter. Entscheidend wird die Frage, ob aus Beschäftigung auch berufliche Entwicklung und gesellschaftliche Teilhabe entstehen.
Wo der Übergang schwierig wird
Anerkennung: wichtig, aber nicht die ganze Lösung
Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen kann ein zentraler Schritt sein. Im Jahr 2025 wurden rund 86.600 Anerkennungsanträge positiv beschieden. Das waren knapp 10 Prozent mehr als im Vorjahr. Besonders häufig ging es um Pflegefachkräfte, Ärztinnen und Ärzte sowie Ingenieurinnen und Ingenieure. Quelle: Statistisches Bundesamt
Daraus folgt aber nicht, dass Anerkennungsverfahren generell langsam sind. Das wäre eine zu pauschale Behauptung. Die Dauer hängt unter anderem vom Beruf, der zuständigen Stelle und der Vollständigkeit der Unterlagen ab.
Ebenso wenig genügt die Anerkennung allein. Danach können noch Sprachkenntnisse, Anpassungsqualifizierung, Berufserfahrung oder ein passender Arbeitgeber fehlen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Wie schnell wird ein Abschluss anerkannt? Sie lautet auch: Wie gut führt der Weg von der Anerkennung in eine passende Beschäftigung?
Sprache muss zur Tätigkeit passen
Deutschkenntnisse sind in vielen Berufen unverzichtbar. Das gilt besonders für Pflege, Medizin, Erziehung, Kundenkontakt und sicherheitsrelevante Tätigkeiten.
Trotzdem darf Sprache nicht zur pauschalen Hürde für jede Arbeit werden. Für jede Stelle sollte geprüft werden, welches Niveau tatsächlich notwendig ist. Nicht jede Tätigkeit verlangt dieselbe sprachliche Sicherheit.
Arbeitgeber können Sprache außerdem nicht immer nur voraussetzen. Sie können sie teilweise auch ermöglichen. Dazu gehören berufsbegleitende Kurse, klare Einarbeitung und ein Arbeitsumfeld, in dem Rückfragen möglich sind.
Der Einwand bleibt wichtig: In bestimmten Berufen können Sprachfehler die Sicherheit von Patienten, Kunden oder Kollegen gefährden. Die faire Frage lautet daher nicht, ob Sprache wichtig ist. Sie lautet, welches Niveau für die konkrete Tätigkeit erforderlich ist und wie der Weg dorthin organisiert wird.
Verfahren und Zuständigkeiten
Deutschland hat neue Zugangswege geschaffen. Die formale Anerkennung eines Abschlusses ist nicht in jedem Fall Voraussetzung für eine Einreise zur Beschäftigung. Gleichzeitig bleiben Verfahren für viele Menschen schwer verständlich.
Ein Anerkennungsverfahren dauert bei vollständigen Unterlagen in der Regel drei bis vier Monate. Das ist die Prüfungsdauer. Es ist nicht automatisch die gesamte Zeit vom ersten Kontakt bis zum tatsächlichen Arbeitsbeginn. Quelle: Make it in Germany
Diese Unterscheidung ist wichtig. Sonst entsteht schnell ein falscher Eindruck von der tatsächlichen Dauer. Zwischen Antrag, Nachweisen, Visum, Wohnung, Sprachkurs und Arbeitsbeginn können weitere Schritte liegen.
Kinderbetreuung und regionale Arbeitsmärkte
Arbeitsmarktintegration scheitert nicht immer an Qualifikation oder Motivation. Manchmal passen Arbeitsort, Arbeitszeit und familiäre Situation nicht zusammen.
Eine zugewanderte Mutter kann eine passende Qualifikation haben. Wenn die Betreuung der Kinder nicht gesichert ist, wird aus dieser Qualifikation trotzdem nicht automatisch eine Arbeitsaufnahme.
Auch regionale Unterschiede spielen eine Rolle. Ein Beruf kann in einer Stadt gesucht werden, während eine Familie in einer Region lebt, in der die passende Stelle fehlt. Mobilität ist keine rein persönliche Entscheidung. Sie hängt von Wohnraum, Partnerarbeit, Betreuung und Verkehr ab.
Wer trägt Verantwortung?
Der Staat
Staat und Behörden müssen klare und verlässliche Wege schaffen. Dazu gehören verständliche Informationen, funktionierende Zuständigkeiten, erreichbare Anlaufstellen und passende Angebote für Sprache und Nachqualifizierung.
Der Staat kann aber nicht jede berufliche Passung und jede betriebliche Entscheidung garantieren. Seine Aufgabe liegt vor allem darin, vermeidbare Hürden abzubauen.
Unternehmen
Unternehmen entscheiden, wen sie einstellen und wie sie Eignung bewerten. Sie dürfen fachliche Anforderungen stellen. Sie sollten aber unterscheiden zwischen echter beruflicher Notwendigkeit und Gewohnheit.
Wer internationale Arbeitskräfte sucht, kann nicht immer nur fertige Bewerber erwarten. Dazu gehören eine vollständige deutsche Berufserfahrung, perfekte Sprache und die genaue Kenntnis aller betrieblichen Abläufe.
Betriebe tragen Verantwortung für faire Auswahl, gute Einarbeitung und realistische Entwicklungsmöglichkeiten. Das bedeutet nicht, jedes private oder staatliche Problem zu übernehmen. Es bedeutet aber, internationale Rekrutierung nicht mit der Unterschrift unter einen Arbeitsvertrag zu beenden.
Zugewanderte
Auch Zugewanderte tragen Verantwortung. Dazu gehören die Bereitschaft, Deutsch zu lernen, Qualifikationen weiterzuentwickeln und sich auf die Regeln des deutschen Arbeitsmarktes einzulassen.
Dazu gehört auch, die eigene Qualifikation realistisch einzuschätzen. Nicht jeder Abschluss ist ohne Anpassung unmittelbar übertragbar. Eine Nachqualifizierung kann notwendig sein. Ein beruflicher Einstieg kann zunächst unter dem bisherigen Niveau liegen.
Diese Erwartungen sind legitim. Sie dürfen aber nicht dazu dienen, jedes Problem zu individualisieren. Wer monatelang auf eine zuständige Behörde wartet oder keine Betreuung für Kinder findet, hat nicht einfach nur zu wenig Integrationsbereitschaft gezeigt.
Zuwanderung ist keine Mengenfrage allein
Deutschland braucht mehr Erwerbsmigration. Diese Aussage ist richtig. Sie reicht aber nicht aus.
Mehr Menschen im Land bedeuten nicht automatisch mehr passende Arbeitskräfte. Dafür braucht es funktionierende Übergänge. Aus Einreise muss Zugang werden. Aus Zugang muss Beschäftigung werden. Aus Beschäftigung sollte berufliche Teilhabe werden.
Das gelingt nur, wenn mehrere Akteure ihren Teil beitragen. Der Staat muss Verfahren und Angebote verlässlich organisieren. Unternehmen müssen ihre Auswahl und Einarbeitung weiterentwickeln. Zugewanderte müssen Sprache lernen, Qualifikationen nutzen oder nachholen und betriebliche Regeln einhalten.
Nicht alle tragen gleich viel Verantwortung. Aber niemand kann sie vollständig an die anderen delegieren.
Die entscheidende Frage
Deutschland sollte deshalb nicht nur fragen, wie viele Menschen es für den Arbeitsmarkt gewinnen kann.
Deutschland sollte fragen, wie schnell und passend Menschen mit ihren vorhandenen Fähigkeiten in Arbeit, Entwicklung und gesellschaftliche Teilhabe kommen.
Der Arbeitskräftemangel wird nicht an der Grenze gelöst. Er entscheidet sich danach: bei Anerkennung, Sprache, Behörden, Kinderbetreuung, Recruiting, Einarbeitung und beruflicher Entwicklung.
Zuwanderung kann ein Teil der Lösung sein. Sie ist aber keine Lösung, solange Deutschland vorhandene Potenziale zu langsam, zu kompliziert oder zu wenig passend nutzt.
Ihr sucht für euer Unternehmen Lösungswege zu diesem Thema, dann sollten wir miteinander reden.